Ralph Giordano
Vorwort: "Misch - Sie werden natürlich noch gebraucht" (Auszug)
Dieser Befehl - vielleicht einer der gespenstischen der Geschichte, wenn man das historische Ambiente bedenkt, unter denen er gegeben wurde - ergeht am 22. April 1945 im Bunker der Reichskanzlei des brennenden Berlin.
Nachdem er mit der späten Erkenntnis "Der Krieg ist verloren" soeben alle anderen aus seiner Umgebung von ihren Pflichten entbunden hatte, nimmt Adolf Hitler einen von ihnen aus, den Mann, der wie kein anderer die letzten fünf Jahre in ebenso ungeheuerlicher Nähe des "Führers" zugebracht hat - seinen Leibwächter und Telefonisten Rochus Misch.
Der, Jahrgang 1917, heute also im einundneunzigsten Lebensjahr, hat nun eine späte Chronik vorgelegt, deren Lektüre mir als Aufgabe angetragen wird.
Erste Reaktion - Abwehr, mulmiges Gefühl. Läuft das etwa ab im Stil von "Napoleons Kammerdiener kennt den l'Empereur in Unterhosen"?
Mischs Vorwort enthebt mich solcher Befürchtung - ich stoße auf einen würdigen Einstieg, der mich nicht gleich in die Flucht schlägt. Dennoch - soll ich mir einen Text zumuten, aus dem ich erfahren werde, wie es war und wie es zuging im Dunstkreis einer Horrorfigur, die ich zwischen meinem zehnten und zweiundzwanzigsten Lebensjahr mehr als jede andere auf Erden gefürchtet habe, den Todfeind meiner jüdischen Mutter, des geliebtesten Menschen auf der Welt? [...]
Am Anfang eine Frage: Wie wird da umgegangen mit dem historischen, also dem geschichtsrelevanten Hitler, dem Schrecken Europas und der Welt? Und wie mit dem anderen, der tagsüber Süßigkeiten und Gebäck nascht, nett ist und höchst hundelieb, also dem geschichtsunrelevanten Hitler?
[...]
Aber ich bin überzeugt, dass der Mann nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ein redliches Leben geführt hat und zu keiner Sekunde eine Gefahr für die demokratische Republik war. [...]
Wenn ich also Rochus Misch begegnen sollte - ich würde ihm ohne Zögern die Hand geben.

