Epilog - Er blieb da , an seinem Platz, bis nach dem Untergang (Auszug)

Rochus Misch an einem Eingang der Wolfsschanze
Co-Autorin Sandra Zarrinbal

Wie bereitet man sich auf ein Treffen mit dem ehemaligen Leibwächter von Hitler vor? [...]

Ich habe mich schon sehr lange mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, war fast noch ein Kind, als ich anhand von Joachim Fests Biografie "Hitler" begreifen wollte, was das für ein Mann war, der Anne Frank getötet hatte. Für mich, Jahrgang 1968, und viele aus meiner Generation, ist Hitler zum ersten Mal in ihrem Tagebuch gegenwärtig geworden. "Das Tagebuch der Anne Frank", "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" oder "Ein Stück Himmel", allesamt Bücher über die Judenverfolgung im Dritten Reich mit kleinen Mädchen als Protagonisten - das war für uns der erste Zugang zur unfassbaren Schreckensherrschaft dieses Diktators. [...]

Je mehr ich von Misch höre, desto mehr Fragen habe ich. Wer war Rochus Misch vor Hitler? Wer ist Rochus Misch nach Hitler? Wer wäre Rochus Misch ohne Hitler? Wo rührt sie her, diese unbedingte, in jener Zeit nie hinterfragte, auf die fatalste Weise falsch verstandene Loyalität? Wie konnte ihm entgehen, wo er sich befand? Hierzu will ich Antworten finden, als ich mich schließlich endgültig entscheide, in diese fremde Lebensgeschichte einzutauchen.
Berührungsängste bleiben. [...]

Wer in Rochus Misch den Chronisten sieht, wird nicht enttäusch. Hitlers Kurier, Leibwächter und Telefonist, sein einziger "Bunkertelefonist", ist der Forrest Gump jener Jahre: Wo immer es historisch bedeutsam wird, er ist irgendwie "dabei": ob Olympia, Rheinland-, Sudetenland-, "Resttschechei"-Besetzung, Annexion Österreichs, Schlacht um Modlin, erste Luftangriffe über Deutschlands Küsten, Heß' Englandflug, Stalingrad, "Mussolini-Befreiung", 20. Juli, Endkampf in Berlin, die Selbstmorde Hitler und Goebbels' - mal mittendrin, mal ganz nah dran.

Man müsste schon sehr viele einzelne Personen zusammensuchen, um jeweils eine vergleichbare  Nahaufnahme dieser Ereignisse zu erhalten. Misch ist imstande, sie allein zu liefern. [...]

Dem geschichtsrelevanten und dem geschichtsunrelevanten Hitler, wie Ralph Giordano das in seinem Vorwort zu diesem Buch nennt, ich kann mich beiden stellen, ohne zu vergessen, auf wen es dabei ankommt. Was nun in Rochus Mischs Biografie zu lesen ist, gehört für mich zu dem Wissen, dem ich noch immer nachspüre. Nicht über Hitler "als Mensch", sondern über die, die ihm folgten. Was und wie diese über ihn berichten, das erzählt auch viel über sie selbst und über jene, ihre Zeit. Ich will Mischs Wahrheit deshalb aushalten, mich mit ihr beschäftigen, sie neben die anderen Quellen stellen, die ich für mich und meine Fragen zusammengetragen habe. 
Und wenn ich das tue, dann nicht, um ein Urteil über Rochus Misch zu fällen, sondern um zu erkennen, was sein Leben und sein Blick darauf uns für die Zukunft lehren.

Sandra Zarrinbal, Mai 2008