Einleitung (Auszug)

 

Aus aller Welt erreichen mich Zuschriften und Anfragen, und sie stammen von jungen, oftmals sehr jungen Menschen. [...] Warum ist das so? Ich denke, die jungen Leute haben mit dem immer größer werdenden zeitlichen Abstand zu den Jahren 1933 bis 1945 einfach weniger Berührungsängste als die Generation zuvor. Für sie ist völlig klar, dass aus der Geschichte nur der lernen kann, der sie kennt. [...]

Auch ist mir durch jüngste Verfilmungen über Ereignisse, deren letzter lebender Zeitzeuge ich heute bin, bewusst geworden, dass meine Eindrücke eine wichtige Erkenntnisquelle sein können. Ich stelle fest, dass Darstellungen in die Geschichte einzugehen drohen, von denen ich sicher weiß, dass sie falsch sind. [...]

Ich war immer ein unpolitischer Mensch. [...] Zur Waffen-SS habe ich mich nicht gemeldet. Ich wurde für die Verfügungstruppe angeworben, man lockte mit der Möglichkeit, in den Staatsdienst übernommen zu werden. [...] Erst später wurde aus der Verfügungstruppe die Waffen-SS. [...]

Ich war knapp achtundzwanzig Jahre alt, als das Dritte Reich unterging. Ich stellte nach Hitlers Tod vom "Führerbunker" aus noch die Leitung zu den Russen her, und nach meiner offiziellen Entlassung durch Reichskanzler Joseph Goebbels zog ich schließlich alle Stecker aus der Telefonanlage. Fünf Jahre lang - die letzten fünf Jahre im Leben Hitlers - wohnte ich dort, wo Hitler wohnte: in der "Führerwohnung" in der Alten Reichskanzlei, in den "Führerhauptquartieren", zuletzt im "Führerbunker". [...]
 Wenn heute lange Diskussionen geführt werden, ob man Hitler überhaupt privat, eben "als Mensch", zeigen darf, dann vermag ich das nur schwer nachzuvollziehen. Ich kenne ihn nur als Mensch. Als Mensch, der mein Chef und dem mein Wohlergehen wichtig war. Wenn ich dennoch immer ein bisschen Angst hatte in Hitlers Nähe, dann, weil er eben der "Chef" war. [...]

Ich war weder bei Lagebesprechungen dabei noch war ich, wie die Adjutanten, persönlicher Gesprächspartner von Hitler. Was also kann ich berichten? Nach meiner Erfahrung der letzten Jahre geht es gerade den jungen Leuten, die mich befragen, gar nicht darum, nochmals längst bekannte Fakten bestätigt zu sehen oder etwas über Hitler "als Mensch"  zu erfahren. Wie gelangte man hinein in das engste Umfeld Hitlers? Wie wurde man sein Bunkertelefonist? Auf welche Weise spielte sich in der Machtzentrale Hitler-Deutschlands der Alltag für Leute wie mich ab? Mit welchen Gefühlen nahm man Kriegsverlauf und Untergang aus meiner Position wahr? Dies sind die Fragen vieler junger Menschen. Ich versuche sie in diesem Buch zu beantworten. [...]

Ich erzähle meine Geschichte den jungen Leuten auch, damit sie es nicht versäumen, rechtzeitig die richtigen Fragen zu stellen. Und um dem auf die Spur zu kommen, warum das damals mir und so vielen anderen nicht gelang, berichte ich von den Dingen möglichst so, wie ich sie seinerzeit wahrnahm. [...]

Rochus Misch, Mai 2008